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Institut für Technikzukünfte

Kollegiale Institutsleitung


Prof. Dr. Markus Lehmkuhl (Teilinstitut Wissenschaftskommunikation)

Prof. Dr. Marcus Popplow (Teilinstitut Geschichte)

Prof. Dr. Christian Seidel (Teilinstitut Philosophie)
 

Sprecher

Prof. Dr. Christian Seidel

 

Leitung Geschäftsstelle

Dr. Alexandra Hausstein

Institut für Technikzukünfte
Douglasstraße 24, 3. OG
Raum: 405
D-76133 Karlsruhe

Tel.: +49 721 608-42045

alexandra haussteinQqe0∂kit edu

 

 

 

Podiumsdiskussion: Klimawandel und Generationengerechtigkeit

04.02.2020

Am 28.01.2020 nahme Prof. Dr. Christian Seidel an der Urania in Berlin an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Eine Ethik der Zukunft – Klimawandel und Generationengerechtigkeit“ teil. 

Beschreibungstext: „Der Klimawandel stellt uns vor eine globale Herausforderung. Wir müssen etwas tun, soviel steht fest. Aber was? Sind wir verpflichtet, den Klimawandel aufzuhalten? Wer ist überhaupt „wir“? Wer muss wie viel Klimaschutz leisten? Darf man noch Fleisch essen und in den Urlaub fliegen? Kann die Demokratie das Problem bewältigen? Und was schulden wir nachfolgenden Generationen? Die Gastgeberin Romy Jaster lädt Prof. Dr. Kirsten Meyer von der Humboldt-Universität zu Berlin und Prof. Dr. Christian Seidel vom Karlsruher Institut für Technologie dazu ein, über diese und andere Fragen laut nachzudenken.“
 

Zur Veranstaltungswebseite

Öffentliche Debatte – Kann man noch guten Gewissens in den Urlaub fliegen?

13.11.2019
Plakat zur Veranstaltung
Plakat zur Veranstaltung

Öffentliche Debatte mit Live-Analyse (DebateLab@KIT) zum Thema „Kann man noch guten Gewissens in den Urlaub fliegen?“

Dienstag, 19.11.2019, 18:30 Uhr im Museum beim Markt.

Eintritt frei.


Wer hilft den Menschen, sich zu ändern? – Statements von Professoren des ITZ zum Klimawandel

27.09.2019

Prof. Dr. Markus Lehmkuhl

„Ein wichtiger Faktor für die Resonanz und Überzeugungskraft der ‚Fridays for Future‘-Bewegung ist aus meiner Sicht darin zu sehen, dass über die Dringlichkeit des Problems Einigkeit innerhalb der Klimaforschung herrscht. Vor diesem Hintergrund bekommen wissenschaftliche Statements einzelner Wissenschaftler, die wir auch nach wir vor in der öffentlichen Debatte brauchen, ein besonderes Gewicht. Es ist allerdings klar, dass dieser Konsens allein nicht hinreichend ist, um einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation näher zu kommen. Denn diese Transformation kann ja nur bewerkstelligt werden durch ganz konkrete Veränderungen, die schwer kalkulierbare soziale und wirtschaftliche Auswirkungen haben und vitale wirtschaftliche Interessen privater Akteure berühren – und damit sind nicht allein Industrieunternehmen gemeint. Prinzipiell ist jeder Einzelne als Wirtschaftssubjekt mit begrenzten Ressourcen betroffen. Diese Partialinteressen werden über organisierte Lobbygruppen in die Öffentlichkeit und die Politik gespielt.“

 

„Was in dem öffentlichen Konzert unterschiedlicher Interessenbekundungen häufig fehlt, ist die ‚Stimme der Wissenschaft‘. Jenseits der Klimawissenschaft sind kaum Bestrebungen innerhalb der Wissenschaft erkennbar, die sich um die Ausbildung und die Kommunikation von Konsens unter Wissenschaftlern bemühen. Zum Beispiel wäre es gut zu wissen, wie groß der Konsens unter Ökonomen ist über die Auswirkungen einer weiter gefassten CO2-Bepreisung. Oder auch der Konsens unter Energieexperten unterschiedlicher Disziplinen zum Umbau der Energienetze und dergleichen. Die ‚Stimme der Wissenschaft‘ ist derzeit viel zu oft lediglich repräsentiert durch besonders einflussreiche Wissenschaftler oder auch Wissenschaftsorganisationen, die für sich in Anspruch nehmen, die ‚Stimme der Wissenschaft‘ zu sein, ohne einen entsprechenden Nachweis zu liefern. Ich würde entsprechend sehr dafür plädieren, mehr repräsentative Umfragen unter wissenschaftlichen Experten zu machen statt permanent Stimmungsbilder der Bevölkerung einzuholen. Das könnte die öffentliche Debatte bereichern.“

 

 

Prof. Dr. Christian Seidel

„Unser Umgang mit dem Klimawandel folgt einem vertrauten Muster: Da läuft etwas grundlegend falsch, doch wir tun nichts dagegen. Wie kann das eigentlich sein?“

 

„Wenn man zunächst beim einzelnen Individuum ansetzt, dann haben wir es aus philosophisch-ethischer Sicht es mit einer Mischung aus moralischer Blindheit (fehlende Unparteilichkeit) und Unvernunft (praktische Irrationalität) zu tun. Moralisch blind sind manche Menschen, weil sie nicht einsehen, dass die Interessen zukünftiger Menschen genauso viel zählen wie die Interessen heute Lebender. Sie glauben tatsächlich, dass es in Ordnung sei, hier und jetzt den Luxus einer Flugreise zu genießen und dafür Gesundheit oder Leben anderer in Zukunft zu gefährden. Das ist ein Problem auf der Ebene der Überzeugungen: In diesen fehlt es an Unparteilichkeit. In anderen Fällen fehlt es Menschen an Rationalität: Denn selbst wer einsieht, dass es eigentlich falsch ist, mit dem SUV zur Bäckerei zu fahren, tut dies aus Willensschwäche oft dennoch. Hier siegt die Bequemlichkeit über die Einsicht, und das ist ein Problem bei der Umsetzung richtiger Überzeugungen im Handeln.“

 

„Was kann man dagegen tun? Auch in anderen Bereichen mit derselben Gemengelage ist es gelungen, mehr Unparteilichkeit und Rationalität zu etablieren. Es hat zum Beispiel lange gedauert, bis sich (zumindest mancherorts) die Überzeugung durchgesetzt hat, dass Sklaverei, Rassismus und Sexismus unrecht sind. Gelungen ist das, weil mutige Vorreiter*innen ihre Stimme erhoben, mit ihren Argumenten überzeugt und durch ihr Verhalten andere inspiriert haben. Ethisch gesehen spricht heute vieles dafür, dass Kohlestrom, Fernreisen und SUV einfach nicht drin sind. Je klarer das gesagt, je besser dafür argumentiert, und je häufiger es einfach vorgelebt wird, desto eher setzt sich die Überzeugung der Unparteilichkeit durch: dass es unrecht ist, die Gegenwart gegenüber der Zukunft zu bevorzugen. Wie die derzeitigen zivilgesellschaftlichen Bewegungen verdeutlichen, können aus solchen Fürsprachen auf gesellschaftlicher Ebene auch sogenannte ‚interne Sanktionen‘ wie Flugscham oder SUV-Scham entstehen. Diese tragen dazu bei, dass sich die Überzeugung auch im Handeln niederschlägt: Menschen verinnerlichen neue moralische Einsichten, und das unangenehme Gefühl eines (vorhergesehenen) Zuwiderhandelns kann helfen, Willensschwäche zu überwinden und das zu tun, was man eigentlich für richtig hält.“

 

„In dem Zusammenhang ist es aber angesichts der empirischen Fakten auch wichtig, keinen Illusionen zu erliegen: Ausreichender, schneller Klimaschutz wird nicht ganz ohne Verzicht auskommen. Allerdings handelt es sich um einen Verzicht auf Bequemlichkeiten und Luxus – oder genauer: um einen Verzicht auf zusätzliche Bequemlichkeiten und zusätzlichen Luxus. Bei ambitioniertem Klimaschutz würde der Wachstumspfad der Weltwirtschaft nämlich einfach weniger steil steigen – aber er würde weiterhin steigen1. Das heißt im Durchschnitt würden alle ein bisschen weniger schnell wohlhabender. Etwas mehr Genügsamkeit – auch als Wert in der politischen Entscheidungsfindung – würde hier helfen: Wir haben einfach keinen Anspruch auf zusätzlichen, schnelleren Luxus, wenn dies auf Kosten zukünftiger Menschen geht, die mehr zu verlieren haben, als wir gewinnen können.“

 

[1] IPCC (2014): Climate Change 2014: Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Working Group III Contribution to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, S. 57.

 

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Weitere Statements von Professoren anderer Universitäten können Sie auf der Webseite sciencemediacenter.de nachlesen.